Best-of 2017: Interview Gerhard Berger

Im Sommer schien es, als wäre das Momentum auf Gerhard Bergers Seite: Der neue DTM-Chef brachte frischen Wind in die selbsternannte Premiumserie, die gerade am besten Weg war, die Gunst der Fans zu verlieren. Die größte Aufgabe liegt aber erst vor ihm: 2019 steigt der DTM-Dauerbrenner Mercedes aus der deutschen Rennserie aus – vom Ende der Serie wollte Berger im August aber nichts wissen.

R&m: Was wird jetzt getan, um die DTM zu retten?

Berger: In einer Krise sehe ich die DTM aktuell nicht. Der Ausstieg von Mercedes ist noch eineinhalb Jahre weg. Bis dahin werden wir die eine oder andere Weiche für die Zukunft gestellt haben. Wir müssen zunächst das technische Reglement der Zukunft schnüren, um bei den Gesprächen mit Interessenten zeigen zu können: Was muss er bei einem Einstieg investieren und was kommt technisch auf ihn zu. Wenn das Reglement vorliegt, dann kann man das besser abschätzen, wer in Frage kommt und wer nicht.

R&m: Seitens der Organisation wurde man von der Entscheidung überrascht – hätte Mercedes vorher mit Ihnen reden sollen, um eventuell einen Plan B auszuverhandeln?

Berger: Wir wurden tatsächlich überrascht. Mir ist bewusst, dass Konzerne immer wieder einmal eine Richtungsänderung bei ihren Motorsportprogrammen, die stark Marketing-getrieben sind, vollziehen. Dieses Mal ist leider die DTM betroffen. Mercedes hat in den 30 Jahren viel für die DTM geleistet. Mercedes konnte allerdings nicht vorher mit uns reden. Das Unternehmen HWA, das für Mercedes die Autos entwickelt und einsetzt, ist eine Aktiengesellschaft. Die Verkündung des Ausstiegs unterlag der ad hoc-Meldepflicht nach Börsengesetz und damit der Verschwiegenheit – auch intern bei Mercedes.

R&m: Kann es die DTM auch ohne den großen Einfluss der Autohersteller geben?

Berger: Ganz ohne Werke wird es vermutlich nicht gehen, jemand muss die Autos ja entwickeln und bauen. Den Betrieb kann ich mir aber sehr gut auch mit professionellen Teams vorstellen, die wenig oder gar keine Werksunterstützung haben.

R&m: Wie kann man jetzt schnellstmöglich die Kosten in der DTM senken? Sind upgegradete GT3- oder TCR-Autos eine Option?

Berger: Wir arbeiten wie gesagt am Konzept und am technischen Reglement der Zukunft. Dabei spielen die Kosten selbstverständlich eine zentrale Rolle. Was am Ende rauskommen wird, kann ich im Moment noch nicht sagen. Ziel ist allerdings ein eigenständiges Technisches Reglement. Die DTM ist eine starke Plattform für leistungsstarke, spektakuläre Tourenwagen.

R&m: Stehen Sie noch immer dazu: „Formel E ist kein Motorsport“ und warum?

Berger: Ich habe immer gesagt: Die Formel E hat ihre Berechtigung, und ich kann nachvollziehen, dass die Hersteller in die Serie drängen. Elektromobilität ist ein großes Zukunftsthema, und die Formel E bietet eine entsprechende Bühne. Aber sie ist eben primär eine emotionale Marketingplattform in den Metropolen dieser Welt und kein Motorsport. Die Zuschauerzahlen vor Ort und am TV zeigen, dass echte Race Fans damit nicht angelockt werden.

Das Interview erschien in Ausgabe 8/September 2017, zum Nachbestellen unter office@rally-more.at oder als E-Paper im APA-Kiosk

Titelfoto: Daimler